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Interview

Textile Nachhaltigkeit

Führende Markenfirmen der Textil-, Sport- und Modeindustrie haben ihren Sitz in Bayern. Aktuelle Entwicklungen werden vor allem von zwei Themen bestimmt: Multifunktionalität und Nachhaltigkeit. Der Sportartikelhersteller adidas und CHT R. BEITLICH, Hersteller von Hilfsmitteln für die Textilveredlung, erklären, welchen Herausforderungen sich die Industrie stellen muss.

Frank Henke – betreut bei adidas den Bereich Social and Environmental Affairs – und erklärt das Nachhaltigkeitsprogramm des Unternehmens.

Welche Strategien verfolgt adidas, um nachhaltiger zu wirtschaften?

Henke: Nachhaltiges Wirtschaften beginnt beim Design und reicht von Materialauswahl, Herstellung, Transport und Logistik bis zur Nutzung und Entsorgung des Produkts. Zudem haben wir Richtlinien für faire, sichere und umweltverträgliche Arbeitsbedingungen verfasst und entsprechende Überwachungsprogramme in den Produktionsländern aufgebaut.

Was sind die größten Herausforderungen dabei?

Henke: Die meisten adidas-Produkte werden von externen Lieferanten hergestellt. Da ist es schwierig, Nachhaltigkeit in der Wertschöpfungskette zu etablieren. Wir führen aber ein strenges Programm mit den Lieferanten durch, zum Beispiel den Schuhherstellern – sie werden regelmäßig kontrolliert und bewertet. Außerdem arbeiten wir an Materialien und Komponenten: Bereits 1998 haben wir eine Liste mit chemischen Substanzen erstellt, die nicht beziehungsweise nur stark reglementiert in unseren Produkten nachgewiesen werden dürfen. Die Liste wird laufend aktualisiert. adidas berät sich dafür mit wissenschaftlichen Organisationen, Prüfungsinstituten, Verbraucherverbänden und Gesetzgebern.

Wie tragen Sie zur Ressourcenschonung bei?

Henke: Wir wollen unsere Materialien umweltverträglicher machen – beispielsweise durch den verstärkten Einsatz von recyceltem Polyester.

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Strenge Programme für die gesamte Wertschöpfungskette

Außerdem versuchen wir bei Laufschuhen auch Biopolymere einzusetzen. Zudem haben wir die Better Cotton Initiative mitbegründet, mit der die Anbaumethoden von Baumwolle weltweit nachhaltig verbessert werden – mit weniger Wasser und Pflanzenschutzmitteln. Die Schulung der Farmer vor Ort ist ebenso ein Bestandteil der Initiative. Ein Ziel von adidas ist es, bis 2018 ausschließlich nachhaltig produzierte Baumwolle zu verwenden.

Welche weiteren Ansätze verfolgt adidas, um die Umwelt zu schonen?

Henke: Die Kartons bestehen fast komplett aus recyceltem Material. Zudem haben wir ihr Gewicht halbiert, was den Produkttransport umweltschonender macht. Wichtig ist uns auch, lösemittelhaltige Klebstoffe in der Sportschuhproduktion durch wasserbasierte Klebstoffe oder neue Heißklebeverfahren zu ersetzen.

Obendrein hilft uns die Virtualisierung: Dank neuer Software-Technologien konnten wir die Anzahl der Musterproduktion stark reduzieren. Das macht den Designund Kommerzialisierungsprozess schneller und auch ressourcenschonender.

Globale Produktion natürlicher und synthetischer Fasern 2012 – Materialien (© Quelle: The Global Fiber Market in 2012, Lenzing estimates)

Dr. Annegret Vester – ist Marketingleiterin bei der CHT R. BEITLICH GmbH und kennt die Trends und Herausforderungen in der Textilbranche.

Welchen Herausforderungen muss sich die Textilbranche in Sachen Nachhaltigkeit stellen?

Vester: Die Prozesse in der Textilindustrie sind sehr zeitintensiv und benötigen viel Wasser und Energie. Bei der Textilveredlung zum Beispiel fällt enorm viel Abwasser an – 80 Millionen Kubikmeter jährlich in Deutschland. Um nachhaltiger produzieren zu können, muss man meist in neue Verfahren oder Maschinen investieren. Der finanzielle Aufwand oder die Umstellung in der Produktion ist eine Herausforderung. Zudem sind nachhaltige Rohstoffe oft teurer und ihre Eigenschaften nicht immer vergleichbar mit synthetischen Grundsubstanzen. Geeignete Alternativen zu finden ist daher keine leichte Aufgabe.

Wie trägt CHT R. BEITLICH zur Umweltschonung bei?

Vester: Wir arbeiten stetig an der Entwicklung von Textilhilfsmitteln, mit denen sich die Herstellungsprozesse umweltverträglicher gestalten und trotzdem die gleichen Materialeigenschaften erzielen lassen. Zum Beispiel für wasserabweisende, sogenannte hydrophobe Kleidung: Dafür werden in der Regel Fluorcarbone eingesetzt. Mit unserem neu entwickelten zeroF1 lassen sich Textilien ohne klimaschädliche Risiken wasserabweisend beschichten. Außerdem haben wir einen halogen- und antimonfreien Flammschutz entwickelt. Er wird zum Beispiel auf Möbelbezugsstoffen oder auch Stoffrollos eingesetzt.

Wie werden Verfahren effizienter?

Vester: Es geht vor allem darum, Energie und Wasser zu sparen und weniger Abfall zu produzieren. Dank der sogenannten Minimalauftragstechnik von Schäumen ist weniger Energie für das Trocknen der Textilien notwendig. Und das Niedertemperatur-Bleichverfahren reduziert den Energiebedarf ebenfalls. In der Färberei lassen sich beispielsweise durch unsere Produkte Spülprozesse reduzieren. Zusätzlich versuchen wir Kreisläufe zu schließen, zum Beispiel durch die Wiederverwendung von Prozesswasser.

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Energie und Wasser sparen, umweltschonende Mittel einsetzen

Wie geht die Textilindustrie mit den immer strengeren Richtlinien um?

Vester: Die Vorschriften werden immer komplexer. Je nach Unternehmen wird vom Markt auch erwartet, dass Vorgaben von Retailern und mehreren verschiedenen Ökolabels erfüllt werden. Eine erfolgreiche Teilnahme am Markt erfordert also großen Aufwand, der leider nicht immer im richtigen Verhältnis zum Nutzen steht. Wünschenswert wären weniger Labels und einheitlichere Vorgaben.